Kapitel 1

 07. November, 2014

Der Mann saß da, den Kopf aufgestützt und musterte gelangweilt die tanzende Menschenmenge.

Unförmig, unpassend zum Beat bewegte sich die Masse, die Luft war stickig von Rauch und Schweiß.

Es widerte ihn an.

Gelangweilt drehte er das Glas von links nach rechts.

Das Eis war geschmolzen.

Was sollte es? Wasser schmeckte auch warm.

Und er trank nichts anderes, wenn er arbeitete.

Alkohol ließ ihn unkonzentriert werden.

Und er durfte sich keine Fehler erlauben.

Er ließ seinen Blick weiter über die Tanzfläche schweifen. Die vergangenen drei Nächte hatten an seinen Nerven gezerrt. Er war müde, ausgelaugt und fand doch keine Ruhe.

In diesem Moment sah er sie.

Zwischen den verzehrten dunklen Gestalten, halbnackt und grotesk, sah sie so unberührt aus,

zerbrechlich und passte ebenso wenig hierher, wie er es tat.

Nur auf eine andere Art.

Sie tanzte.

Nicht auf diese anmachende, verkrampft hüftschwingende Weise.

Eher so unauffällig, wie möglich, ein bisschen schüchtern, vielleicht sogar ängstlich. Doch selbst im schwachen Licht und Nebel erkannte er sie.

Sie  trug ein hochgeschlossenes T- Shirt, schlicht mit einem bunten Aufdruck von dem Gesicht einer Frau. Es war diese Schauspielerin, Audrey Hepburn. Er hatte den Film nie gesehen, der Titel hatte sich wenig vielversprechend gelesen.

Irgendetwas mit Frühstück bei einem Juwelier.

Die kurzen, schlanken Beine steckten in einer teuren Jeans, gut erkennbar an dem löchrigen ausgeblichenem Stoff.

Es hatte für ihn nie einen tieferen Sinn gemacht, warum der Trend dazu ging viel Geld für weniger Stoff zu bezahlen.

Die Jeans war vor den bunten Vans mehrmals umgekrempelt.

Es sah irgendwie niedlich aus, so als wäre alles an ihr zu klein geraten.

Und tatsächlich wirkte sie so verloren zwischen den High Heels und knappen glitzernden Oberteilen, dass er unwillkürlich schmunzeln musste.

Der DJ, den man nicht an seinem Können, wohl aber an den großen, goldenen Kopfhörern erkannte, legte irgendein Lied auf, das offensichtlich dem Geschmack der breiten Masse entsprach, klatschte in die Hände und schlagartig wurde es auf der Tanzfläche so voll, dass er sie nicht mehr sah.

Unruhig wippte sein Fuß, das Wasser schwappte über, als das Glas von der einen in die andere Hand glitt.

Der Tisch war uneben, das Holz splittrig, er fühlte die Ritzereien an seinen Unterarmen und zog sich seine Jacke über, nur um sie im nächsten Moment wieder auszuziehen.

Er war so nervös, wie selten zuvor, hatte das seltsame Gefühl, dass irgendetwas nicht so lief, wie es sollte.

„Ist hier noch frei?“

Eigentlich bekam er solche Fragen selten zu hören, er gehörte nicht zu der Sorte von Mensch, denen man sich unnötig näherte.

Aus eigener Erfahrung konnte er beruhigt sagen, dass er eher zu dem Typ Mensch gehörte, der Grund lieferte, die Straßenseite zu wechseln.

Automatisch wollte er den Kopf schütteln, dann bemerkte er erst, dass sie es war.

Es war zu einfach.

 „Eigentlich spreche ich keine Leute an“, sie ließ sich auf den Barhocker neben ihm fallen.

 „Und wie komme ich dann zu der Ehre?“, es war sein erkalteter Verstand, der das ungewohnte Gefühl mit Ironie und Sarkasmus zu bekämpfen versuchte.

Er konnte nicht anders.

Er war nicht gut mit Menschen.

„Ich befürchte, ich bin ein bisschen betrunken…“, sie lächelte und legte den Kopf schief.

„Das befürchte ich auch“, er machte sie nicht die Mühe, es gegen den Lärm anzubrüllen, wenn das Gegenteil doch bewirkte, dass sie ein Stück näher an ihn heranrückte.

Er roch ihr Parfüm, blumig, süß, ein wenig verschwitzt vielleicht.

Die langen glatten Haare erinnerten ihn an dunkles Ebenholz.

Ihre Blässe betonte die eingefallenen Wangen. Sie sah krank aus, abgemagert und trotzdem auf eine sture Art und Weise schön.

 „Der Junge, mit dem ich hier bin ist im Moment anders beschäftigt“, sie deutete auf ihre Begleitung, der eng umschlungen mit einer Rothaarigen tanzte.

Jaden sah einen Moment in seine Richtung und überlegte sich, wie er ihn dafür bezahlen lassen würde, dass er sie allein gelassen hatte.

 „Du findest jemanden besseren“

Es war eigentlich nicht seine Art jemandem Trost zuzusprechen, aber irgendwie fühlte er sich für einen kurzen Augenblick schuldig.

Sie lächelte mit den perfekt gebleichten Zähnen, doch es erreichte ihre Augen nicht.

„Du bist nett“

„Der Schein trügt“, murmelte er und sah woanders hin.

„Nein echt jetzt. Man fühlt sich irgendwie wohl bei dir, sicher irgendwie“, sagte sie ein wenig lallend.

Jaden belächelte und bedauerte diese Naivität und mangelnde Menschenkenntnis gleichermaßen.

„Und von wem wurdest du sitzen gelassen?“, fragte sie dann nach einer kurzen Pause.

Er horchte auf und ließ das Glas endlich still stehen.

„Ich werde nicht sitzen gelassen, ich lasse sitzen“, sagte er.

„Das ist ein feiner, aber sehr markanter Unterschied“

Das Mädchen zuckte die Schultern.

„Ich dachte, weil du hier so einsam sitzt, würdest du vielleicht auf eine zweite Chance warten“

„Mit dem Warten lagst du gar nicht mal so falsch“, sagte er kurz.

„Na also…und worauf?“, sie fragte nicht obligatorisch, sondern mit dem ehrlichen Interesse einer Betrunkenen.

Dabei stützte sie den Kopf auf beide Hände und sah ihn abwartend und unschuldig wie ein Welpe an.

Es sah niedlich aus, wie sie die Stirn in Falten legte und sich die Stupsnase ein wenig verzog.

Er verdrehte die Augen, obwohl sie ihn nicht nervte, eigentlich war sie ihm sogar so etwas, wie sympathisch.

Das Augenverdrehen war eher so eine Angewohnheit.

„Ich warte auf den perfekten Moment, um…“

 „Interessant“, meinte sie gedehnt und gähnte.

„Dann warten wir jetzt zusammen…zwei einsame Sitzengelassene“

„Nocheinmal. Von uns beiden wurde nur einer sitzen gelassen. Und das bin definitiv nicht ich“

Ihr Lachen war so warm und ehrlich, dass er sich ziemlich sicher war, dass sie ihn nicht verstanden hatte.

Ob akustisch oder inhaltlich, blieb dahingestellt.

Das Handy vibrierte leicht in seiner Hosentasche.

Ein Uhr nachts.

Gleich musste er los. Hoffentlich hatte Iván an alles gedacht.

Geistesabwesend nahm er einen Schluck von dem abgestanden Wasser und hoffte, dass Iván überhaupt noch lebte.

„Wie heißt du?“, fragte sie so plötzlich, dass er sich verschluckte.

So weit traute sich selten jemand voran, in der Regel vergraulte er sie vorher alle.

„Jaden“, hustete er.

Er reichte ihr die Hand, war amüsiert darüber, dass sie verlegen an ihm vorbei sah und ließ die Hand wieder sinken.

Sozial inkompetenter, als er selbst.

Das war wirklich beeindruckend.

„Bist du spanisch oder sowas?“

Jaden lächelte.

„Zweisprachig aufgewachsen. Warum?“

„Wegen dem Akzent. Das ist ziemlich sexy“, sie schlug sich die Hand vor den Mund.

„Ohje…ich glaube ich geh mich mal in Grund und Boden schämen. Bleib du einfach hier sitzen…“, sie erhob sich ein schwankend, während Jaden still in sich hineinlachte.

Da stieß sie mit dem Mann von der Tanzfläche zusammen.

Offensichtlich hatte die billige Rothaarige genug von ihm. Oder es war andersherum.

„Du warst weg. Und jetzt bist du hier“

Geistreich. Unfassbar geistreich.

„Du hast mich einfach stehen gelassen“, es klang wie eine unterwürfige Entschuldigung.

 „Marc“, ein Handgelenk mit schwerer Rolex streckte sie ihm entgegen, gebleichte Zähne grinsten ihn dämlich an und das schwarze zurückgelegte Haar schimmerte schmierig.

 „Ich bin fast so etwas wie erfreut, Max“

„Marc. Mein Name ist Marc“, korrigierte sein Gegenüber verärgert.

„Sag ich doch, Max“, meinte Jaden trocken und sah den schmächtigen Mann mit der eine Duftwolke von billigem Aftershave hinter sich herzog, missbilligend an.

Aus den Augenwinkeln sah er, dass das Mädchen sich über den Tresen gebeugt hatte und irgendetwas bestellte.

Seine Finger vergriffen sich in der Schulter unter dem eng geschnittenen Jackett.

„Heute Abend weichst du ihr nicht mehr von der Seite“, flüsterte Jaden.

„Sonst?“, gewollt lässig. Leider nicht gekonnt.

„Du weißt, was sonst geschieht…“

Sein Gegenüber wurde unter dem gegeltem Haar abwechselnd weiß und rot.

Jaden sah den Schweiß auf seiner Stirn glitzern, lächelte zufrieden und stieß ihn von sich, als das Mädchen sich wieder zu ihnen drehte.

„Ist etwas?“, fragte sie sofort besorgt in Marcs Richtung und nippte an etwas, was durchaus Ähnlichkeit mit Wasser hatte.

Der Gute sah wohl ein wenig verstört aus.

„Unsinn…“, Jaden klopfte ihm mit der Hand auf den Rücken, dass er einige Schritte nach vorne stolperte.

„Er hat gerade noch beschlossen, den ganzen Abend mit dir zu tanzen, nicht wahr, Max?“

Das Mädchen ließ ihr Getränk kurz stehen, sprang mit breitem Lächeln auf den Jungen zu.

Unauffällig roch Jaden an dem Glas, dann tauschte er es mit seinem Wasser. Mehr konnte er wirklich nicht für sie tun.

Leises Piepen.

„Na also…du wurdest doch nicht vergessen. Vielleicht bekommst du noch eine zweite Chance“, sie drehte sich wieder zu ihm und er reichte ihr das Glas.

Eine zweite Chance.

„Hat mich gefreut, Jaden“

Der schmierige Kerl umfasste ihre Hand und zog sie mit.

Nachdenklich sah er ihr nach, wie sie über ihre eigenen Füße stolperte, ungeschickt mit jemandem zusammenstieß und sich  lachend entschuldigte.

Freundlich, naiv und schön.

Er wollte nicht, dass sie ging.

Er wollte dieses Gefühl nicht verlieren, von dem er nicht mehr gewusst hatte, wie es sich anfühlte.

Und er wollte, dass sie dasselbe fühlte.

Jadens Hände begannen zu zittern, als ihm klar wurde, worüber er gerade nachdachte.

„Mierda“, zischte er, trat gegen den Tresen und stieß das Glas um.

Es zersplitterte von der Wucht des Aufpralls aus dem Boden.

Die Menschen um ihn herum sahen erschrocken auf und heuchelten schon im selben Moment wieder höfliches Desinteresse.

5.5.16 22:17

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